Emma Talbot, Traveller’s Friend, Mugwort, 2022
Im Mittelpunkt der Arbeiten von Emma Talbot stehen persönliche Erfahrungen, Erinnerungen und psychologische Projektionen, die sie mit zeitgenössischen Themen verbindet. Talbot verwendet hauptsächlich leichte und flexible Materialien wie Seide, um die Freiheit von Form und Inhalt zu betonen. Sie konzentriert sich auf feministische Theorien, Erkundungen der Natur, Ökopolitik und unsere Beziehung zur Technologie. Ihre Werke kombinieren visuelle Poesie, erzählerische Elemente und handgefertigte Objekte, um intime und universelle Themen zu reflektieren, wie die Entwicklung des Lebens, insbesondere das der Frauen, das Konzept des Alters, den sich verändernden Körper und seine Rolle in der Gesellschaft.
Das Werk „Traveller’s Friend, Mugwort / Der Freund der Wandernden, Beifuß“ (2022) thematisiert die symbolische und praktische Bedeutung der Heilpflanze Beifuß. In der antiken Mythologie wird Beifuß mit Frauen und Fruchtbarkeit assoziiert und war mit der Göttin Artemis verbunden. Die Göttin hatte die Aufgabe, den Frauen ein langes Leben zu bescheren. Wie der Titel des Werkes andeutet, geht es um eine Reise, die metaphorisch als Reise des Lebens verstanden werden kann.
Shannon Bool, The 33rd Column, 2023
Shannon Bool konzentriert sich in ihren gewebten Teppicharbeiten auf die Architektur als Projektionsfläche und Impulsgeber von Handlungen. Ihr Interesse gilt der Architektur der Moderne (z.B. von Ludwig Mies van der Rohe wie in der Arbeit 33rd Column) oder des Brutalismus. Die Architektur der Moderne ist geprägt von den theoretischen Ideen des Bauhauses (wie bspw. der gläsernen Fassade – der Transparenz; des freien Grundrisses – der Veränderlichkeit der Räume; der auf Funktion gerichteten Formen – form follows function) wohingegen der Begriff „Brutalismus“ sich vom französischen „béton brut“ ableitet, was „roher Beton“ bedeutet und damit auch auf die Materialität abzielt. Er entwickelte sich in den 1920er Jahren als eine Bewegung der Moderne, die Erfahrung der „geistigen
Befreiung“, „wahres Sehen“, „Sinnlichkeit statt Kommerz“ Rechnung tragen will.
In der Arbeit 33rd Column spielt Shannon Bool mit dem architektonischen Element Säule, die in Mies van der Rohes architektonischen Diskurs eine herausragende Bedeutung besitzt. Der Blick ins Innere eines von Mies van der Rohe entworfenen, aber nicht realisierten Pavillons, der an den berühmten Barcelona Pavillon erinnert, offenbart die für ihn typischen Elemente der Säule und der Glasfassade. Säulen besitzen stützende Funktion und ersetzen die tragende Funktion der Wand. Damit wird die Transparenz des Gebäudes – Fensterfronten – möglich und auch der vom Architekten entworfenen offenen Grundriss.
In diesen architektonischen Raum setzt Shannon Bool nun zwei metallisch schimmernde Highheelstiefel und konterkariert damit die ebenfalls in vertikaler Ausrichtung sich im Raum befindenden Säulen. Hier treten bewusst die männlich dominierte Architektur der Moderne und die sich darin bewegende Person mit dezidiert weiblich konnotierten Attributen (Highheelstiefel) in eine Spannung. In vielen Arbeiten von Shannon Bool wird der Körper zum zentralen „Bildbereich“. Ihr Interesse gilt dem Konzept des „gelebten Körpers“, einem Begriff des Phänomenologen Merleau-Ponty, der davon ausgeht, dass die äußere Realität und die subjektive Identität das wechselseitige Ergebnis von körperlicher Erfahrung und Handlung im Raum sind. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Adaption der Geschichte und der Produktionstechniken unterschiedlichster kultureller Sphären, die von den körperlichen Prozessen der Bildhauerei und Malerei bis hin zur Erzeugung synthetischer, digitaler Bildwelten reichen.
Wandteppiche thematisieren seit ihrem Aufkommen im Mittelalter historische und religiöse Weltanschauungen. Die hochwertigen, in Jacquard-Technik gewebten Wandteppiche von Bool basieren auf computergenerierten synthetischen Bildern. Die Ausgangsbasis bilden dokumentarische Fotos oder Skizzen des Pavillons. In dem Wandteppich werden die Stiefel zum Ort der mentalen Projektion.
Blick in die Eingangshalle mit Museumsshop
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